Ein Umzug ist ja immer eine der seltenen Gelegenheiten im Leben, wo man einmal alles was man besitzt in den Fingern hat. Dementsprechend findet man ja auch oft Dinge wieder, die man lange verloren glaubte. Oder stolpert über die Liebesbriefe von und für längst Verflossene Lieben. So ungefähr ging es mir heute. Warum man solche Dinge aufhebt, weiß ich auch nicht so genau. Lesen tut man das ja eh nie wieder.
Da dieser Umzug mein sechster innerhalb von ca. zweineinhalb Jahren ist, bin ich aber mittlerweile darauf konditioniert, bei jedem Ding, was ich in den Händen habe zu überlegen, ob es den Umzug wert ist (viele Dinge haben den Test nicht bestanden). Der Drang, sehr persönliche Briefe und ähnliches aufzuheben und der Drang, das Umzugsgut zu minimieren, widersprechen sich natürlich diametral.
Nun gab es aber eine Erfindung, die zum Beispiel den Umzug einer großen CD-Sammlung sehr vereinfacht: Computer. Oder, um genauer zu sein: Billige Festplatten. Und da es noch eine andere Erfindung gab, die es erlaubt, geschriebene Briefe in digitale Bilder zu verwandeln (vulgo auch als Scanner bezeichnet), zeichnet sich für o.g. Problem eine einfache Lösung ab. Alte Liebesbriefe einscannen, auf einer Festplatte speichern, das Original wegwerfen. Das ist ein total einleuchtender Gedankengang.
Und es macht mir Angst, dass ich es ernsthaft erwogen habe, alte Liebesbriefe einzuscannen und die Originale wegzuwerfen.
Eigentlich sollte das Blog-Posting hier enden. Aber mir dämmert, dass ich vielleicht endlich verstanden haben könnte, was Walter Benjamin mit Aura gemeint hat. Denn die ist es, die durch eine Digitalisierung von Liebesbriefen zertrümmert würde. Oder so.